Wer auf dem Gedererwandsteig an seinem Wandfuß entlangwandert, dem fällt vermutlich sofort das gewaltige, rund sechs Meter ausladende Dach ins Auge, das von einem dunklen Einriss durchzogen wird. Genau durch diesen Riss führt die Sepp-Spöck-Gedächtnisführe, die 1963 von Lorenz Kronast und Sepp Eckmann erstbegangen und mit VI/A3 bewertet wurde.
Bis heute gehört die Tour zu den berüchtigtsten Technoklassikern der Bayerischen Alpen. Es dauerte bis ins Jahr 2019, ehe ihr die erste freie Begehung abgerungen werden konnte. Wir sind die Route ganz klassisch mit Hakenhilfe und Trittleiter geklettert und können nur unseren Hut ziehen – sowohl vor den Erstbegehern als auch vor den Rotpunktkletterern. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Route bis heute in sehr alpinem Gewand daherkommt.
An zwei Standplätzen findet sich jeweils ein Bohrhaken, und nach einem Felsausbruch wurde auf der Querung ins Dach ein weiterer Bohrhaken gesetzt. Der Rest der Route ist mit alten Normalhaken abgesichert. Zusätzliche Absicherung mit Keilen und Friends ist zwingend erforderlich, da die früher verwendeten Holzkeile inzwischen nahezu vollständig verfault sind.
Hoffentlich bleibt dieser alpine Charakter noch lange erhalten. Denn nicht nur die große Steilheit und Ausgesetztheit machen die Tour zu etwas Besonderem, sondern vor allem auch ihre Absicherung. Sie erfordert ein deutlich bewussteres Klettern und einen anderen Umgang mit Risiko. Mit einer durchgehenden Bohrhakenabsicherung hätte die Route sicherlich nicht denselben Stellenwert im Tourenbuch all jener, die sich an sie wagen.