Die der Kampenwand vorgelagerte Gedererwand ist gerade einmal 1.398 Meter hoch und gehört dennoch zu den wildesten und alpinsten Ecken der westlichen Chiemgauer Alpen. Auf rund einen Kilometer Länge bricht der langgezogene Rücken mit bis zu hundert Meter hohen, teils überhängenden Pfeilern nach Norden ab. Keine Steige und keine Wege stören hier die Birkhühner und Gämsen, die die Latschenhänge und steilen Grasflanken unter den Felsen ihr Zuhause nennen.
Erst 2012 wurde mit der Aha (IX) die erste Route am markanten Nordpfeiler der Gedererwand eingerichtet. Rund zehn Jahre später folgten mit Mückenfett (VIII+) und Abenteuerland (VII) zwei weitere Linien an einem etwas weiter westlich gelegenen Pfeiler. Links der Route Aha zieht zudem ein markantes Riss- und Verschneidungssystem durch die gesamte Wand und bildet eine logische Linie. Bereits in den 1960er-Jahren besuchte Sepp Eckmann aus Prien diesen Wandbereich, musste sein Vorhaben jedoch nach der ersten Seillänge aufgeben. Viele Jahrzehnte später versuchte sich auch der Bergführer Hans Holzmayer an der Linie, brach jedoch unter dem überhängenden Gipfelkamin ab und querte nach links zum Ostgrat hinaus.
Am 5. Juli 2025 gelang es mir schließlich, dieses alte Projekt zu vollenden. Nachdem ich bei einem ersten Versuch am 1. Juli 2025 ebenfalls am Gipfelkamin gescheitert war, entdeckte ich links davon eine seichte, steile Verschneidung, über die sich die Schlüsselstelle schließlich umgehen ließ.
Charakter
Insgesamt sehr schöne und recht steile Kletterei, die sich hervorragend mobil absichern lässt. Die Schwierigkeiten sind homogen, der Fels meist fest und griffig, stellenweise sogar ausgesprochen rau. Auf der Nordseite der Gedererwand befindet man sich in einer äußerst einsamen Umgebung, und die Ausblicke über den Chiemgau und den Chiemsee sind grandios. Lediglich einige grasige Passagen – der Überhang in der ersten Seillänge, ein Absatz in der vierten Seillänge sowie der Ausstieg – trüben den Genuss etwas.
Absicherung
Alpine Route. Die Standplätze sind durchgehend gut. Abgesehen von der vierten Seillänge gibt es jedoch nur wenige Zwischenhaken. Insgesamt lässt sich die Route sehr gut mit kleinen bis mittleren Friends und Keilen absichern.
Zustieg
Vom Parkplatz Hintergschwendt in Richtung Weißenalm. Kurz vor dem Ende des Waldes rechts auf einen unmarkierten Steig abzweigen, der steil durch den Wald ins Kar unterhalb des mächtigen Zwölferturms führt. Nun weglos nach links queren und unterhalb des Wandgürtels der Gedererwand bis zum Einstieg in Gipfelfalllinie ansteigen (I–II, 2 Std.).
Alternativ kann man mit einem 50-Meter-Doppelseil dreimal vom Gipfel bis zum Wandfuß abseilen.
Abstieg
Vom Gipfel auf dem markierten Wanderweg zum Roßboden absteigen. Dort nach rechts und kurz ansteigen, dann über den unmarkierten Gedererwandsteig (Stelle I) am Zwölferturm vorbei. Anschließend auf dem bekannten Zustiegsweg zurück zum Ausgangspunkt (1½ Std.).