1914 war es Willy Freiherr von Redwitz – der ein Jahr später durch seine Begehung der Direkten Westwand am Totenkirchl gemeinsam mit Hans Dülfer schlagartig berühmt werden sollte –, der gemeinsam mit Erwin Merlit und Gustl Abel einen ersten Durchstieg wagen sollte. Haken schlugen sie damals vermutlich noch keine – zumindest der Vorsteiger war also mehr oder weniger Free Solo unterwegs –, die Folgen eines Sturzes dürften jedem Kletterer klar sein. Ein großer Felsbrocken, der sich kurz unterhalb des Ausstiegs löst, kommt jedenfalls nur einmal auf einem kleinen Absatz auf, bevor er in weitem Bogen bis ins tief unten liegende Kar katapultiert wird.
2021 wurde der Redwitzkamin mit Bohrhaken saniert und als Mixedklettertour „Redmixed“ auf bergsteigen.com veröffentlicht. Der Veröffentlichung folgten damals einige fast durchgehend negative Kommentare, zu denen die Sanierer selbst keine Stellung bezogen. Dann wurde es wieder still um die Route. Dass die Sanierungsaktion allerdings auch nachhaltig keine Begeisterung erzeugte, zeigte sich bei meiner Begehung fünf Jahre später: Inzwischen waren – abgesehen von vier Standhaken – alle Bohrhaken abgeflext beziehungsweise zumindest die Laschen abgeschraubt. Sicherlich wird auch diese Aktion nicht nur Freunde finden. Dennoch finde ich es gut, dass Bohrhakensanierungen von alten Klassikern nicht einfach stillschweigend hingenommen werden.
Aussagen wie „wird eh nicht mehr geklettert“ greifen dabei meines Erachtens zu kurz. Denn gerade eine selten begangene historische Route verliert dadurch nicht automatisch ihren Wert. Im Gegenteil: Wenn wir nur noch das erhalten, was heute häufig geklettert wird, schreiben wir Klettergeschichte nach dem Geschmack der Gegenwart um. Gerade die Hörndlwand ist schließlich ein Gebiet mit Geschichte: Die Bewertungen sind hart, die Routen meist noch alpin. Neben den „neuen“ Touren aus den 90er-Jahren finden sich Bohrhaken lediglich in den beiden beliebten Schmidkunzwegen, in der ebenfalls sehr beliebten Kombitour „Die gnadenlosen Drei“ sowie in der Gelben und im Vorbaukamin – und auch hier, abgesehen von der Gelben, ist den Routen trotz der wenigen Bohrhaken ihr alpiner Charakter erhalten geblieben. Am Redwitzkamin war das mit seinen mehr als 30 Bohrhaken nicht der Fall. Eine solche Absicherung passt schlicht nicht zu einer durchaus anspruchsvollen und insgesamt sehr rustikalen Kaminkletterei.
Denn eine Sanierung verändert nicht nur die Sicherheit einer Route, sondern unter Umständen ihren gesamten Charakter. Bei einer klassischen alpinen Route gehört es zum Klettern, selbst zu entscheiden, wo eine Sicherung möglich und sinnvoll ist, welches Material man mitnimmt und wie weit man sich in eine schwierige Passage hineinwagt. Bohrhaken nehmen dem Kletterer einen Teil dieser Entscheidungen ab. Das ist nicht grundsätzlich schlecht – moderne Erstbegehungen dürfen natürlich auch mit Bohrhaken abgesichert werden. Bei einer historischen Route geht es aber um etwas anderes: Sie wird durch eine solche Sanierung nicht nur sicherer, sondern unter Umständen zu einer anderen Route.
Sicherlich möchte niemand tödlich abstürzen. Doch der Redwitzkamin ist auch ohne Bohrhaken nicht zwangsläufig gefährlich, lässt er sich doch meist sehr gut mit Friends, Keilen und Schlingen für Sanduhren, Köpfl und Klemmblöcke absichern. Bei meiner Begehung habe ich an den Ständen 4 und 5 insgesamt drei Normalhaken neu geschlagen, sodass auch diese Stände ohne Bohrhaken zuverlässig abgesichert werden können. Es geht also nicht darum, möglichst viel Risiko in Kauf zu nehmen. Vielmehr geht es darum, sich mit der Route auseinanderzusetzen und die eigene Absicherung selbst in die Hand zu nehmen.
Man braucht vielleicht etwas länger, muss an manchen Stellen tüfteln und kann nicht einfach alle paar Meter einklippen. Dafür bleibt ein Stück Eigenverantwortung erhalten. Wo ist eine Sicherung möglich? Reicht das vorhandene Material? Wie weit möchte ich mich in die nächste Passage hineinwagen? Und kann ich sie überhaupt klettern, ohne mich auf einen Bohrhaken verlassen zu können? Solche Entscheidungen sind anspruchsvoller und manchmal auch unangenehm – gerade deshalb gehören sie für mich aber zu dem, was alpine Kletterei ausmacht. Die Belohnung ist nicht nur das Erreichen des Ausstiegs, sondern auch das Gefühl, eine Route wirklich selbst bewältigt zu haben.
Vielleicht liegt genau darin der Wert solcher alten Klassiker. Eine historische Kletterroute ist mehr als eine Linie, die seit hundert Jahren zufällig durch dieses Stück Fels führt. Ihre Schwierigkeit, ihre Absicherung und die Art, wie sie geklettert wurde, sind Teil ihrer Geschichte. Wer eine solche Route saniert verändert also auch zwangsläufig ihren Charakter. Und je stärker wir alte Klassiker an heutige Sicherheitsvorstellungen anpassen, desto weniger können wir nachvollziehen, was ihre ursprüngliche Herausforderung eigentlich ausgemacht hat. Beim Redwitzkamin gehört für mich deshalb dazu, dass man nicht nur den Fels hinaufklettert, sondern auch selbst Verantwortung für den Weg übernimmt. Und gerade weil das heute nicht mehr alltäglich ist, sollte es solche Routen weiterhin geben.