Während es selbst im Sommer nur wenige Aspiranten sind, die den Gipfel von Norden durch die wilden und langgezogenen Kraxenbachtäler in Angriff nehmen, gibt es Winter, in denen monatelang kein Mensch seinen Weg in dieses Gebiet findet. Und wieder zeigt sich die gespaltene Persönlichkeit, gehört doch die Skitour vom Tiroler Heutal aus auf das Sonntagshorn zu den beliebtesten Skitouren in den gesamten Chiemgauer Alpen.
Schon länger wollte ich die Sonntagshorn-Überschreitung im Winter einmal in Angriff nehmen. Ende April war es dann soweit. Der kalendarische Winter war zwar schon lange vorbei, doch regelmäßige Kaltlufteinbrüche ab März sorgten auch noch im Frühling für tiefwinterliche Verhältnisse in den Hochlagen. Bis auf etwa 1.100 Meter Höhe kamen wir gut zu Fuß voran, dann wechselten wir auf die Ski und spurten über die hartgefrorene Schneedecke durch das beeindruckende Amphitheater des Großen Sands in Richtung Reifelbergscharte. Für das letzte Stück mussten wir die Ski wieder ausziehen, und die Verhältnisse überraschten uns: Statt über kompakten Altschnee weiterstapfen zu können, mussten wir uns durch grundlosen, fast senkrechten Pulver nach oben wühlen, und waren froh, als wir endlich die Scharte erreichten. Weiter ging es über den Westgrat, der sich mit seinen kurzen Steilaufschwüngen als sehr abwechslungsreich erwies.
Am Gipfel waren wir alleine, keine Skispur war zu sehen – ein Umstand, der in normalen Wintern völlig ausgeschlossen wäre. Aber was ist schon normal in diesem zweiten Coronajahr mit seinen geschlossenen Grenzen und Reisebeschränkungen? Auch das Wetter war nicht mehr ganz so stabil wie ursprünglich vorhergesagt, sodass wir bereits nach einer kurzen Pause mit dem Abstieg begannen. Das kurze Stück über den Ostgrat kletterten wir noch ab, dann schnallten wir die Ski an – und mussten feststellen, dass der erste Hang äußerst lawinengefährdet war. Wir überlegten lange, dann versuchten wir unser Glück in einem kleinen Bereich, der unserer Meinung nach ein vertretbares Risiko aufwies. Dennoch waren wir froh, als wir den steilen oberen Teil des Hinteren Kraxenbachkares hinter uns hatten. Der Rest der Abfahrt war reiner Genuss auf perfektem Firn, bevor der lange Hatscher zurück zu den Schwarzachenalmen auf uns wartete.